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    • Rediscovery of the week Teil 5 - Miyuki Tsugami
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      18.09.2020

      Künstlergespräch mit Miyuki Tsugami und Wolf Jahn (Hamburg, Oktober 2019) Wolf Jahn: Warum fasziniert Sie die Landschaft als Sujet? Landschaft hängt sehr eng mit dem Leben des Menschen zusammen und im Grunde ist alles Landschaft, was wir sehen. Als ich Teenager war, habe ich mich zum ersten Mal bewusst in der Landschaft, also vor Ort gezeichnet. ... mehr lesen
      Künstlergespräch mit Miyuki Tsugami und Wolf Jahn (Hamburg, Oktober 2019)

      Wolf Jahn: Warum fasziniert Sie die Landschaft als Sujet?

      Landschaft hängt sehr eng mit dem Leben des Menschen zusammen und im Grunde ist alles Landschaft, was wir sehen. Als ich Teenager war, habe ich mich zum ersten Mal bewusst in der Landschaft, also vor Ort gezeichnet. Menschen kommunizieren durch die Sprache oder Gesten. Mir wurde damals bewusst, dass ich durch meine Bilder kommunizieren kann. Ich begebe mich zu einem Ort und zeichne, und dabei versuche ich, den Ort auf einem Blatt Papier einzufangen. Beim Skizzieren geht es darum, wie man die Welt empfängt/wahrnimmt und „ausschneidet“.


      WJ: Mir scheint, dass Sie überwiegend Kulturlandschaften, also zum Beispiel vom Menschen gestaltete Orte wie Städte oder Ackerland als Motive haben. Stimmt das?

      Es gibt eigentlich keine Landschaft, die nicht vom Menschen gemacht ist, denn eine Landschaft entsteht nicht ohne den Menschen, der sie betrachtet. Das Meer, der Himmel, der Erdboden: Alles „entsteht“ durch ein solches „Aufschneiden“ oder Aufteilen der Welt durch den Menschen. So gesehen ist praktisch alles Landschaften, die vom Menschen gemacht sind.


      WJ: Ist Ihre Arbeitsweise ähnlich wie bei Mondrian, der ja zum Beispiel einen Baum erst realistisch gemalt und nach und nach abstrahiert ha, oder bei Turner, der ja das Licht auf der Meeresoberfläche abstrahiert eingefangen hat?

      Ich selbst würde meine Werke nicht „abstrakte Malerei“ bezeichnen, weil ich mit einer solchen Kategorisierung Probleme habe. Mir geht es nicht darum, die Landschaft auf meine individuelle, persönliche Weise abstrahiert zu malen, sondern darum, zunächst physisch, also körperlich direkt vor Ort in der Landschaft anwesend zu sein und den Ort wahrzunehmen und zum Zeitpunkt, in dem ich das alles auf der Leinwand rekonstruiere und sozusagen reproduziere, achte ich darauf, möglichst objektiv zu sein. Mit „objektiv“ meine ich, dass ich versuche, Bilder zu erschaffen, zu denen jeder Betrachter, der davor steht, an Orte in seiner eigenen Erinnerung erinnert werden kann, also dass die Bilder etwas, was in dem jeweiligen Betrachter steckt, berührt bzw. daran verknüpft werden können; so eine Objektivität strebe ich an. Mein Ziel ist also nicht meine persönliche Hamburg- oder Osakabilder zu erschaffen, sondern ich möchte, dass die Bilder sozusagen als alles mögliche betrachtet werden können. In dieser Hinsicht würde „Individualität“ stören. Im Gegenteil, ich versuche, so zu malen, in dem ich mich zurücknehme.


      WJ: Als Ergebnis könnten Ihre Bilder vielleicht äußerlich betrachtet formal als abstrakt bezeichnet werden, aber das sieht also lediglich als Ergebnis so aus und es ist nicht beabsichtigt.

      Ich finde, dass man mit dem Wort „abstrakt“ vorsichtig umgehen sollte und genau hinhören muss, was damit gemeint ist. Es ist ein „delikates“ Wort. Und ja, in der heutigen Zeit, in der man immer und überall mit seinem Handy Fotos machen kann, hat das Zeichnen auf Papier ein anderes Gewicht oder eine andere Bedeutung als in der Zeit von Mondrian oder Turner. Ein Bild zu malen ist ja ein Prozess, eine Botschaft oder Aussage auf einem flachen Grund einzuritzen, ähnlich wie bei dem Rosettastein. Etwas dreidimensionales, räumliches in einer zweidimensionalen Fläche einzufangen und dabei eine unendliche Weite zu gewinnen.


      Miyuki Tsugami, 2018, sketch

      WJ: Wie sieht der Arbeitsprozess aus?

      Ich finde es wichtig, nicht nur mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Orte zu recherchieren, um Hamburg oder Osaka im weiten Sinne zu begreifen und es somit durch einen Filter der Objektivität zu passieren. Zuerst zeichne ich vor Ort in der Landschaft. Danach fertige ich im Atelier Studien auf Papier an und experimentiere mit den Kompositionen und Farben, treffe Entscheidungen. Erst nach diesen zwei Schritten beginne ich, mich der Leinwand zuzuwenden. In dem Stadium sind im Grunde bereits alle Entscheidungen in Bezug auf Farben oder Kompositionen getroffen. Aber trotzdem gibt es manchmal solche spontanen Einfälle wie bei dem einen ursprünglich vierteiligen Hamburg-Bild, bei dem ich das eine Bild vom linken Rand einfach wegnahm und zu einem ursprünglich zweiteiligen Osaka-Bild am linken Rand hinzugefügt habe. Bei meinen Arbeiten bin ich in verschiedene Personen gespaltet: Die Person, die Skizzen anfertigt und eine andere Person, die diese Skizzen betrachtet und deren Linien auseinanderwirbelt und es als Studien auf Papier rekonstruiert und wieder eine andere Person, die auf Leinwand malt. Bei den Skizzen und Studien schreibe ich neben den Zeichnungen auch Notizen rein – während dieser Phase werden die noch nicht zu Ende gedachten Zwischenstände aufgezeichnet, also sind das sozusagen meine Gedanken. Deshalb kann ich die Studien nicht verkaufen.


      Miyuki tsugami, 2018, sketch, Hamburg

      WJ: Was bedeutet Wasser für Sie?

      Wasser ist überall in der Landschaft vorhanden. Es fließt und zirkuliert ebenso im Körper des Menschen. Ich verwende auch Aquarellfarben, wenn ich draußen skizziere, und auch im Atelier verwende ich Wasser statt Öl für die Pigmente.... weniger zeigen
    • REDISCOVERY OF THE WEEK Teil 4: Mitsunori Kitsunai
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      07.07.2020

      Wie kommen die Kompositionen und Motive in deinen Bildern zustande? Es gibt verschiedene Wege: Ich finde Motive, die im schummerigen Licht schön aussehen würden. Ich suche auch nach Figuren, die in Kombination mit den jeweiligen Motiven eine interessante Wirkung entfalten. Wenn ich Manga von Hokusai (Skizzen von Hokusai) betrachte, habe ich oft ... mehr lesen
      Wie kommen die Kompositionen und Motive in deinen Bildern zustande?

      Es gibt verschiedene Wege: Ich finde Motive, die im schummerigen Licht schön aussehen würden. Ich suche auch nach Figuren, die in Kombination mit den jeweiligen Motiven eine interessante Wirkung entfalten. Wenn ich Manga von Hokusai (Skizzen von Hokusai) betrachte, habe ich oft das Gefühl, dass die Charaktere dort jeden Augenblick in Bewegung geraten. Ich hatte die Idee, da eine interessante Situation einzubauen und interessantes entstehen zu lassen; so entstand diese Serie.


      Woher kommt die Figur in deiner Arbeit „Gluttony / Völlerei“?

      Was das Bild "#139 大食 (Gluttony / Völlerei), 2018" angeht, das ich 2018 für die Ausstellung „small is beautiful“ (in der Mikiko Sato Gallery) angefertigt hatte, habe ich aus dem Bild „Gekka tanukizu" (übersetzt "Tanuki* unter dem Mond") von Shohaku Soga (japanischer Maler aus der mittleren Edo-Zeit, 1730–1781) zitiert. In diesem Werk ist ein Tanuki im Mondlicht zu sehen, der fröhlich auf seinem Bauch trommelt. Vermutlich entstand das Bild, als Shohaku Anfang 30 war; mehr weiß man darüber nicht. Dieses Tanuki-Bild hatte ich also schon länger in meinem Hinterkopf und wollte es in einer meiner Arbeiten auftauchen lassen. Den Titel habe ich aus den sieben Todsünden entnommen.

      *Tanuki: japanischer Maderhund / Waschbär


      Gekka tanukizu von Shohaku Soga

      Wie kamst du auf Shohaku Soga?

      Ich begegnete den Werken 2005 in einer Ausstellung im Kyoto National Museum. Der damals als „Häretiker“ bekannt gewordene Shohaku Soga fügte Werken anderer Meister einige Pinselstriche hinzu und besiegelte zusätzlich mit seinem Stempel. Diesen für damalige und heutige Zeit anmaßenden Akt führte er auf sehr erhabene und freie Art und Weise. Ich fühlte mich besonders hingezogen zu seiner einzigartigen Ausstrahlung. In meinen Arbeiten setze ich in völlig arglose Alltagsszenerien diese Charaktere hinzu, die ihrer Umgebung völlig unähnlich sind; Es ist eine Hommage an den Meister Shohaku Soga, der eben sehr frei gemalt hat.

       

      In anderen Bildern sind Zitronen, Croissants oder Weingläser in etwas dunkel geratenem Licht zu sehen (siehe Bildergalerie hier). Dem Betrachtenden kommen da vielleicht verschiedene Assoziationen in den Sinn: Zum Beispiel „Lob des Schattens“, ein Essay des japanischen Schriftstellers Junichiro Tanizaki, der darin die Rolle der Dunkelheit und des Schattens in der japanischen Ästhetik erörtert. Ein anderer möglicher Gedanke wäre, dass in Haruki Murakamis Romanen auch auffallend oft „universelle“ Gerichte wie Sandwich oder Toast auftauchen statt lokal anmutender Gerichte wie Nudelsuppen. Die Zitrone mit dem dunklen Hintergrund lässt an Stillleben mit Früchten aus dem 17. Jahrhundert denken, etwa aus Holland.

      Dass ich mit einem dunklen Hintergrund arbeite, ist von der Barockmalerei beeinflusst. Ich hatte als Kind zuhause Bildbände über westliche Malerei, die etwa die Renaissance bis Picasso umfassten. Darin mochte ich am liebsten die Barockmalerei, etwa von Georges de la Tour, Vermeer und Caravaggio. Der Reiz der Barockmalerei besteht für mich unter anderem in der Verschmelzung von dieser meisterhaften handwerklichen Fertigkeit, so gar keine einzelnen Pinselstriche mehr erkennen zu lassen und der künstlerischen Kreativität.
      Was die Zitronen als Motiv angeht, habe ich – vor dem Hintergrund, dass das Motiv oft in der Barockmalerei auftaucht – natürlich bewusst gewählt. Und dass in meinen Arbeiten oft andere "westliche" Motive wie Weingläser und Brot auftauchen, ist auch von der Barockmalerei bzw. westlichen Malerei beeinflusst. Aber darüber hinaus finde ich es interessant, gegensätzliche Dinge, z.B. die östliche Kultur wie Hokusai oder Shohaku Soga und die westliche Kultur wie Weingläser, oder Edo-Ära und die heutige Zeit, oder flache, zweidimensionale Charaktere und realistisch gemalte Motive, auf einer Bildfläche verschmelzen zu lassen.
      Mit den Werken von Haruki Murakami und Junichiro Tanizaki kenne ich mich nicht aus, aber ich finde es interessant, meine Arbeiten mit "Lob des Schattens" zu verbinden. Natürlich lebe ich in einem anderen Zeitalter als Tanizaki, aber was die Ästhetik in der östlichen Kultur angeht, kann es sein, dass da Gemeinsamkeiten zu finden sind. Ich glaube, vereinfacht gesagt, behauptet Tanizaki, dass man in der westlichen Ästhetik alle Ecken eines Raums hell ausleuchten würde, wogegen die japanische Ästhetik in Schatten bestünde, nur mit natürlicher Lichtquelle oder einer Papierlaterne beleuchtet.
      Auch in der Malerei könnte man sagen, dass in der westlichen Ästhetik grundsätzlich die Bildfläche bis zu den Rändern ausgemalt wird, wogegen die Schönheit nach östlicher Ästhetik, allen voran in der Tuschmalerei, gerade in den unausgefüllten Räumen besteht. Mit dem dunklen Hintergrund bei meinen Arbeiten möchte ich auch die Schönheit des leeren Raums zur Geltung bringen.


       

       

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    • NEUER ONLINE SHOP / HIROSHI TAKEDA T-SHIRT EDITION
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      26.06.2020

      Es ist uns eine große Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass unser Online Shop ab sofort für Sie bereit steht. Wir eröffnen diesen mit einer sommerlichen T-Shirt Edition, die in Zusammenarbeit mit unserem Künstler Hiroshi Takeda entstanden ist. Ausgangspunkt für das Design ist Takedas Gemälde portrait 01 aus dem Jahr 2009, das den Beginn einer ... mehr lesen
      Es ist uns eine große Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass unser Online Shop ab sofort für Sie bereit steht. Wir eröffnen diesen mit einer sommerlichen T-Shirt Edition, die in Zusammenarbeit mit unserem Künstler Hiroshi Takeda entstanden ist. Ausgangspunkt für das Design ist Takedas Gemälde portrait 01 aus dem Jahr 2009, das den Beginn einer bis heute andauernden, künstlerischen Suche nach der Bedeutung des Portäts im 21. Jahrhundert markiert. Jedes T-Shirt besteht aus 100% Biobaumwolle und wurde lokal von Hand mittels eines hochwertigen Siebdruckverfahrens bedruckt. Es sind drei verschiedene Farbkombinationen in den Größen S, M, L verfügbar. 

      Zukünftig bieten wir Ihnen ebenfalls eine Auswahl an zeitgenössischer Malerei, Zeichnung, Fotografie und Bildhauerei sowie andere limitierte Editionen unserer Künstlerinnen und Künstler an. Unsere zuverlässigen Versandpartner stellen zudem sicher, dass diese gut verpackt und ausreichend versichert direkt an Ihre Haustür geliefert werden! Das Online-Angebot wird schrittweise erweitert. Über Neuigkeiten informieren wir Sie über unseren Newsletter.

      Hier geht es zum Online Shop
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    • REDISCOVERY OF THE WEEK Teil 3: Shingo Yoshida "Réprouvé" ("ausgestoßen")
      Neues

      18.06.2020

      ■ Link zum Film "Réprouvé" (7 Min 44 Sek) https://www.shingoyoshida.com/movie-installation?pgid=jrqq2jxg-2013980c-8f8c-4381-adba-516027d7a2dc Mikiko Sato Gallery (MSG): Dieses Werk entstand 2018 auf einer Müllhalde auf einem leeren Grundstück am Rande der Stadt Calama (Chile). Warum bist du dorthin ... mehr lesen
      Mikiko Sato Gallery (MSG): Dieses Werk entstand 2018 auf einer Müllhalde auf einem leeren Grundstück am Rande der Stadt Calama (Chile). Warum bist du dorthin gegangen und warum hast du diese Art von Ort gewählt?
       
      Shingo: Ein Freund aus Chile, den ich in Berlin kennengelernt habe, erzählte mir von dem Kunstfestival SACO7 (Antofagasuta) und fragte mich, ob ich während des Aufenthalts dort an dem Festival teilnehmen möchte. Er erzählte, dass seine Mutter in der Wüste lebt, die der trockenste Ort der Welt ist und ich war von der Idee angetan, dort als Stipendiat zu arbeiten. Also stimmte ich zu.

       
      MSG: Hunde erscheinen in verschiedenen Szenen deiner Arbeit.  Hunde, die auf den Straßen und auf einer Müllhalde herumtollen, Hunde als Verkleidung für ein Fest, Hunde, die Autos auf den Straßen hinterherrennen. Könnte es sein, dass der Hund in deinem Werk ein Medium für etwas ist? Oder haben Hunde eine besondere Bedeutung für die Bewohner dort?
       
      Shingo: In Entwicklungsländern ist das kein besonderer Anblick, sondern Alltag. Ich denke, auch im Nachkriegsjapan und -europa gab es bis zur Stabilisierung der öffentlichen Sicherheit und der Wirtschaft streunende Hunde auf den Straßen.
      Auch Tiere haben ihre eigenen Territorien und eine Art "Gesellschaft", die für Menschen nicht leicht zugänglich sind.
      Vielleicht werden es eines Tages in der Zukunft die Tiere sein, die durch extreme Modernisierung und die Torheit der menschlichen Herrschaft vertrieben werden.
      Das neue Coronavirus hat aber deutlich gemacht, dass der Mensch schwach ist und dass sich die Position von Mensch und Natur umkehren kann. Das heißt, in der Natur ist die Position der Menschen umgekehrt: Wir sind das schwächste Tier der Welt. Zum Beispiel sind im Amazonasgebiet die Ameisen am stärksten und der Mensch am schwächsten, und wenn ich den Fuß auf einen Ameisenschwarm setzen würde, wäre ich der Schwächste. Sie klettern schnell über den ganzen Körper, und selbst wenn ich sie abbürsten würde, würde mein Körper von den Zangen der Ameisen blutig gebissen werden. Aber auch Insekten haben ihre Feinde, zum Beispiel Bakterien oder Viren, die als Parasiten in ihnen leben.
      Wenn uns Menschen eine Naturkatastrophe passierte, haben wir Menschen uns früher gefragt, ob es ein Werk eines Gottes, eines Dämons oder eines Geistes ist. So haben wir bis vor Kurzem gelebt während die Zivilisationen entstanden sind. Jetzt, angesichts der entwickelten Wissenschaft und Gesellschaft, vertrauen die Menschen immer mehr nur dem, was sie sehen können. Wie die Pest im Mittelalter, eine Krankheit, die unsichtbar ist, oder Pockenvirus aus Spanien, welches das Inka- und Aska-Reich zerstörte, spielt für das neue Coronavirus keine Rolle, welcher Gesellschaft, Rasse, Beruf oder Nation wir angehören. Für diese Parasiten ist es einerlei, ob wir arm oder reich sind. Und vielleicht sind aus der Sicht der Keime und Viren wir Menschen die Parasiten.

       
      MSG: Dass der Film auf Close-ups von Gesichtern der "Minderheiten" verzichtet, führt dazu, dass die Zuschauenden die Szenen als etwas sehen können und unmittelbar erfahren können bzw. müssen, ohne in Orientalismus zu verfallen. Der Zuschauende ist um so mehr auf sich selbst gestellt, die Bilder zu verstehen.
       
      Shingo: Ich hoffe, dass die Implikation des Titels auch dem Verständnis des Werks beiträgt: "ausgestoßen". Ich wollte nicht einfach sagen, dass das Volk ausgestoßen ist, sondern vielmehr die gesamte Umwelt und Gesellschaft thematisieren, die das Land umgibt.
      In den letzten Jahren, während die Welt zunehmend reicher, bequemer und fortschrittlicher geworden ist, was auch gute Seiten hat, verschwinden oder verblassen auf der anderen Seite kleine Kulturen aufgrund der beschleunigten Globalisierung.
      Ich habe mich schon immer für die mikrogesellschaftliche Kulturen interessiert, die die Grundlage der Wirtschaft bilden. Deshalb habe ich mich auf Kultur, Legenden, Mythen und das tägliche Leben der Menschen, die in diesen kleinen Gebieten leben, sowie auf die natürliche Umwelt konzentriert und versuche, mich den Eindrücken der Natur bewusst auszusetzen und zugleich die Ohnmacht der Menschen festzustellen.

       
      MSG: Im Film taucht eine spektakuläre Wüstenlandschaft auf. Wie war es, dort zu sein?
       
      Shingo: Meine Forschungsarbeiten fanden in der chilenischen Atacama-Wüste statt, dem nördlichsten Teil Chiles und dem trockensten Ort der Welt. Man sagte mir, dass die NASA hier trainiert hat, wegen der ähnlichen Bedingungen wie auf dem Mars.
      Man sagt auch, es sei der beste Ort, Sterne zu betrachten, weil die Luft dort die klarste der Welt ist und es gibt diese riesige Teleskopanlage "Alma-Teleskop". Sie wurde in 5.000 Metern Höhe in Chile gebaut und wurde 2011 für wissenschaftliche Beobachtungen in Betrieb genommen. Wie ist das Sonnensystem, in dem wir leben, entstanden? Gibt es Grundlagen des Lebens außerhalb der Erde? Das sind Fragen, die sich die Menschheit seit Langem stellt und diese Anlage ist an der vordersten Front dabei. Neulich war in den Nachrichten zu lesen, dass dort ein Schwarzes Loch zum ersten Mal fotografiert wurde.
      Aber gegenwärtig ist die Atacama-Wüste stark verschmutzt. Dort sind Minen für Lithium und andere Rohstoffe, die für unser modernes Leben unerlässlich sind. Ohne sie wäre es bestimmt nicht möglich gewesen, das Teleskop zu bauen. In dem riesigen Brachland, das ich gefilmt habe, wird eine Menge Müll weggeworfen. Dort leben sogenannte Zigeuner, Staatenlose, die in Zelten leben, und es ist auch das Territorium der streunenden Hunde.
      Man muss mit streunenden Hunden verhandeln und auskommen, um dort zu filmen, weil es ihr Territorium ist.
      Die Landrechte auf der Erde wurden eigentlich immer so verhandelt. Die Grenzen des Grundstücks oder Territoriums, die aus menschengemachten wirtschaftlichen Gründen entstanden sind, spielen dabei keine Rolle.

       
      MSG: Was hat dich zu diesem Film inspiriert?
       
      Shingo: Ich habe mich von der Flagge "Wiphara"* inspirieren lassen.
      Einst blühten in Südamerika die Anden-Hochkluturen. Diese traditionelle Flagge mit dem Namen "Wiphara" wird von den Aymara, einem indigenen Volk der Andenregion Südamerikas, bis heute verwendet.
      Jede Farbe hat eine Bedeutung in Bezug auf die Menschheit und Erde.
      Es gibt viele Theorien über diese Flagge, aber sie ist auch heute noch ein hoch geachtetes Symbol in Südamerika. Auf der anderen Seite leidet die Gesellschaft Südamerikas in Realität mit ihrem extremen Kapitalismus.
       
      * Wiphara: https://en.wikipedia.org/wiki/Wiphala
       
      Es ist eine schlichte, farbenfrohe und quadratische Flagge, die aus sieben andersfarbigen Quadraten besteht: rot, orange, gelb, weiß, grün, blau und violett. Diese Farben werden als die Farben des Regenbogens gesehen und haben jeweils folgende Bedeutungen:
       
      Rot – Erde
      Orange - Gesellschaft und Kultur
      Gelb – Energie
      Weiß - Zeit und Logik
      Grün - Natürliche Ressourcen und Reichtum
      Blau - das schöpferische Prinzip des Universums und der Welt
      Violett - Politik und Ideen

       
      MSG: Im Film tauchen Dinge auf, die ihre ursprüngliche Funktion und ihren Wert verloren haben, wie Flaschen und ausrangierte Waschmaschinen – Warum finden wir diese Dinge schön?
       
      Shingo: Es ist schwer, die Sympathie für Werte wie Schönheit zu erklären, denn jeder hat seinen eigenen Geschmack, aber wenn wir etwas schön finden, das weggeworfen wurde, liegt es vielleicht an der Absurdität, die aus der Kombination von dem Ort und den dort abgelegten Dingen entsteht.

       
      MSG: Da ist ja diese Szene, in welcher der Wind weht und die einsamen Töne der leeren Bierflaschen zu hören sind – Du meintest ja, dass die leeren Flaschen alle erst rumlagen und dass du sie eine nach der anderen aufgestellt hast. Was für eine Landschaft wolltest du schaffen? Für mich fühlt sich diese von dir erschaffene, verwandelte Landschaft, ja diese Installation aus leeren Flaschen und dem Wind, wie ein heiliger Ort an.
       
      Shingo: Oft verhält es sich ja so: Wenn alles zusammenkommt und zu einer Horde wird, ist es einfacher, seine Existenz und seinen Wert zu beweisen. Als ich darüber nachdachte, wie ich es vermitteln könnte, dass in dieser Wüste permanent der Wind weht, kam ich auf die Idee, diese große Anzahl weggeworfener Flaschen und den Wind zu nutzen, um die Situation und andere weitere Dinge zu vermitteln. So kam es zu dieser Installation. Es sieht auch wie ein heiliger Ort aus, und es gibt verschiedene Betrachtungsweisen, aber ich möchte es dem Publikum überlassen.

       
      MSG: Wurden die Zeichnungen auf den Felsen von den Menschen gemacht, die heute dort leben oder stammen sie aus einer viel älteren Zeit?
       
      Shingo: Ich glaube, die Zeichnungen stammen aus der gleichen Periode wie die Nazca-Linien. Die Einheimischen glauben, dass diese Zeichnungen Botschaften an die Reisenden waren und so gezeichnet wurden, damit man sie über Berge und Hügel aus der Ferne sehen konnte.
      Sie sagten mir, es sei eine Art der Kommunikation gewesen; zum Beispiel um zu sagen, dass es an diesem Ort Lamas und verschiedene Tiere gibt. Es gibt auch Bilder, die wie Außerirdische aussehen, vielleicht waren sie ja damals dort.
       
       


      Mit unserer neuen Reihe REDISCOVERY OF THE WEEK stellen wir Ihnen ab jetzt regelmäßig Werke unserer Künstler*innen vor und beschäftigen uns mit deren Ebenen, die zu erkennen, zugegebenermaßen, auf den ersten Blick nicht immer einfach ist.

      Teil 1: Akihiro Higuchi "Insekt aus der Serie "Hana-Blume"
      Teil 2: Rikuo Ueda "Wind drawing. 28.04.2014 Rothenburgsort"
      Teil 3: Shingo Yoshida "Réprouvé (Castaway): Calama Chile Year 2018"
      Nächste Woche Teil 4: Mitsunori Kitsunai


       
       
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    • Über den Künstler Shiro Masuyama
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      17.06.2020

      Seit 2010 lebt Shiro MASUYAMA als einziger japanischer Künstler in Nordirland. Nachdem er das Tohoku-Erdbeben von 2011 in Japan miterlebt hatte, begann er, seinen Lebensstil zu überdenken, der auf Kapitalismus und Globalisierung basiert, die im hohen Tempo voranschreiten. Er bereiste Irland, Peru und die Mongolei, um die Serie "Self Sufficient Life (Autarkes Leben)" ... mehr lesen
      Seit 2010 lebt Shiro MASUYAMA als einziger japanischer Künstler in Nordirland. Nachdem er das Tohoku-Erdbeben von 2011 in Japan miterlebt hatte, begann er, seinen Lebensstil zu überdenken, der auf Kapitalismus und Globalisierung basiert, die im hohen Tempo voranschreiten. Er bereiste Irland, Peru und die Mongolei, um die Serie "Self Sufficient Life (Autarkes Leben)" zu realisieren: Eine Serie von 3 Projekten mit Tierhaaren von Schafen, Alpakas und Kamelen. Für diese Arbeiten hat er mit indigenen Völkern und Tieren zusammengearbeitet und dabei lokale traditionelle Techniken für Tierhaarbearbeitung angewendet. Nach der Realisierung der Serie strickte er mit seinen eigenen Haaren und fertigte daraus eine Spin-off-Arbeit "Stricken einer Mütze für mich aus meinem eigenen Haar" an, die jetzt in voller Länge zwei Wochen lang gezeigt wird. Ein beliebtes Projekt aus der Serie "Weaving a scarf for the alpaca I sheared using its own wool“, wird als eine 7-minütige kurze Trailerversion ebenfalls online veröffentlicht.

      Links zu den Videos von Shiro Masuyama

      ■ "Stricken einer Mütze für mich aus meinem eigenen Haar" (23 Minuten)
      Puno, Peru / Yokohama, Japan, April 2014
      Das Video ist nur vom Sonntag, 31. Mai bis Sonntag, 14. Juni zugänglich
      ■  "Weben eines Schals für das Alpaka, das ich aus seiner eigenen Wolle geschoren habe"
      7 Minuten (kurze Trailer-Version. Die Original-Version ist 45 Minuten)
      Puno, Peru, Januar 2014
      Zugänglich seit Sonntag, 31. Mai
      https://youtu.be/3Npm9fmPtmM

      ■ Shiro Masuyama-Homepage
      http://www.shiromasuyama.net

      #keepgoingTOGETHER
      https://www.eu-japanfest.org




      About the Artist Shiro Masuyama

      Since 2010 Shiro MASUYAMA has been based in Northern Ireland as the only Japanese artist. After he witnessed the Tohoku Earthquake of 2011 in Japan, he started rethinking today's lifestyle based on accelerating capitalism and globalization. He has travelled 3 counties of Ireland, Peru and Mongolia to realize “Self Sufficient Life”, a series work consisting of 3 projects for animal hair of sheep, alpaca and camel. He has worked together with indigenous people and animals using local traditional manufacturing techniques of animal furs. After finishing the series, he started to grow his hair longer to knit a beanie with his own hair. This spin-off work, "Knitting a beanie for myself using my own hair” will be online only for 2 weeks. The 7min short trailer version of "Weaving a scarf for the alpaca I sheared using its own wool”, which is a popular project from the series, will be released to the public as well.

      Links to videos by Shiro Masuyama

      ■  "Knitting a beanie for myself using my own hair”
      Puno, Peru / Yokohama, Japan, April 2014
      23 min (The video will be publicly accessible only from 31st May until 14th June)
      https://youtu.be/dAMdZLdz6Ak

      ■  "Weaving a scarf for the alpaca I sheared using its own wool"
      Puno, Peru, January 2014
      7min (short trailer version. The original version is 45min; online from 31. May)
      https://youtu.be/3Npm9fmPtmM

      ■ Shiro Masuyama-Homepage
      http://www.shiromasuyama.net

      ■ #keepgoingTOGETHER
      https://www.eu-japanfest.org




      オンライン活動資金支援プログラム#KeepgoingTOGETHER51弾は、アーティスト·増山士郎氏による映像作品2本をお届け! 531日配信開始です! 

      アーティストより

      北アイルランドにおいて2010年より唯一の在住日本人アーティストとして、活動している増山士郎。増山は2011年の3.11東日本大震災以降、世界各国で急速に進む消費主義やグローバリゼーションに、深い疑問を抱きました。そして、2012年から2015年にかけ、アイルランド、ペルー、モンゴルの三ヶ国を旅しながら、土着の人々と動物を巻き込み、現地の伝統的な動物繊維技術を用いて、それぞれ、羊、アルパカ、らくだの毛を使ったシリーズ3作品「Self Sufficient Life」を実現しました。シリーズ実現後、アーティスト自らの髪の毛を使って実現したスピンオフ作品「自分のために、自分の髪の毛で毛糸の帽子を編む」を二週間の期間限定で映像全編を公開するほか、シリーズ中の人気作品「毛を刈ったアルパカのために、そのアルパカの毛でマフラーを織る」の短縮トレーラー版をオンラインで公開します。

      ■  「自分のために、自分の髪の毛で毛糸の帽子を編む」
      ペルー、プーノ / 日本、横浜、20144
      23

      5/31(
      )6/14() 【限定公開】
      https://youtu.be/dAMdZLdz6Ak

      ■  「毛を刈ったアルパカのために、そのアルパカの毛でマフラーを織る」
      ペルー、プーノ、20141
      7
      (短縮トレーラー版 オリジナル版は45)
      5/31(
      )
      https://youtu.be/3Npm9fmPtmM

      ■ Shiro Masuyama-Homepage
      http://www.shiromasuyama.net

      ■ #keepgoingTOGETHER
      https://www.eu-japanfest.org

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