
12.04.2021

Mit der Sammlungsausstellung "Crossing Borders. Sammeln für die Zukunft" blickt das Kuperstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nach vorn und und zeigt, wie sich die Sammlung - eine der ältesten der Welt - jüngst entwickelt hat und wie sie sich in der Zukunft präsentieren könnte.
Ausgehend von den künstlerischen Erweiterungen seit den 1960er-Jahren vereint die Sonderausstellung etwa 80 zeitgenössische Werke von 21 Künstlerinnen und 22 Künstlern aus den letzten 30 Jahren. Mit Marina Abramović, Joseph Beuys, A. R. Penck und Nancy Spero stehen am Anfang der Präsentation beispielhaft vier Künstler*innen, deren Tun in besonderer Weise von einer Forderung nach Freiheit geleitet war. Seit den 1960er-Jahren haben sie substanzielle Beiträge zur Erweiterung des Kunstbegriffs und zur Entgrenzung von Kunst und Leben geleistet.

12.04.2021

25.03.2021
Higuchi: Als ich an diesem Werk gearbeitet habe, hatte ich viel Zeit. Ich fing einfach an, ohne ein finales Bild im Kopf zu haben. Aus dem Kantholz schnitzte ich zunächst nur die Beine und betrachtete und überlegte immer wieder in Ruhe während der Entstehung. An manchen Tagen führte mich das noch unfertige Werk in eine völlig unerwartete Richtung als am Tag davor und wiederum war es oft ein regelrechter Kampf für mich.
Ich hatte an Formen gedacht, die man „nicht zuordnen“ kann – eine abstrakte Form oder ein unbegreifliches Ding, aus dem Beine rauswachsen, so dass es plötzlich gehen kann. So eine Skulptur wollte ich schaffen. Dann stieß ich auf die befremdliche Frisur von Unkeis Skulptur.
MSG: Du hast einmal gesagt, dass die Rückansicht die Vorderansicht sei. Was meinst du damit genau?
Higuchi: Ich war fasziniert von der Rückseite der komischen Frisur dieses Werks (Die sitzende Buddha-Holzstatue von Dainichi Nyorai) von Unkei
(ein bedeutender japanischer Bildhauer, um 1140 – 1223). Und ich fand, dass das fertige Werk, Haar-Frau, ihre Energie im Inneren verbirgt, statt nach außen freizusetzen. Deshalb ist die Rückansicht die Vorderansicht.
MSG: Bzgl. „Schachtelmann“: Es ist eine Figur, die wie aus dem Roman „Schachtelmann“ von Kobo Abe entsprungen ist.
Higuchi: Kobo Abe schrieb den Roman 1973. Ich las ihn in den 90ern. Ich glaube, es ging um einen Menschen, der aus dem Inneren einer Schachtel die Außenwelt betrachtet und die Schachtel zerreißt, um mit Mitmenschen in Kontakt zu treten. Ich fühle mich wie ein Schachtelmann, wenn ich wegen Corona mit Maske, Mütze und Sonnenbrille in der Gegend rumlaufe. Es hat vielleicht auch was von der Welt der sozialen Netzwerke.
Die Welt ist groß und vielfältig, aber die innere Welt einzelner Individuen ist auch groß und sehr vielfältig. Meine Werke sind Bilder der Erwartungen und an andere Menschen oder sich selbst und Möglichkeiten von Menschen. Ein bisschen etwas von dem erwartungsvollen Moment vor einer ungeöffneten Geschenkbox wollte ich herstellen.
Die Geschichte des Schachtelmanns von Kobo Abe wäre vielleicht anders gelaufen, wenn sie in der Corona-Zeit spielte und die Schachtel schickes Äußeres gehabt hätte.
In den Werken sind Dinge aus der Natur und Kultur zu sehen, die ursprünglich nicht vom Künstler selbst stammen, deren Anverwandlung den Künstler aber zu neuen Assoziationen führt.
Die Rückansicht der Haar-Frau erinnert an Insektenpuppen. Die Schachtel des Schachtelmanns sieht leicht aus.
MSG: Warum wolltest du die 7 Werke (Very, Very strong) in der Konstellation des Sternbilds von Großer Wagen anordnen?
Higuchi: Die Anordnung nach Großer Wagen kommt aus der Bilderwelt des Mangas „Hokuto no Ken“ ( „Fist of the North Star“), den ich als Schüler mochte. Es ist eine natürliche, abwechslungsreiche und schöne Anordnung.
Foto:Andreas Weiss
Künstlergespräch mit Akihiro Higuchi 1
Die Ausstellung wird gefördert durch die STIFTUNG KUNSTFONDS und das Sonderförderprogramm NEUSTART KULTUR.

12.03.2021
Künstlergespräch mit Akihiro Higuchi
Mikiko Sato Gallery (MSG): Wie kamst du zu der Idee, diese Ausstellung “Very, Very Strong“ zu nennen?
HIGUCHI: Das Corona-Virus scheint schwer bezwingbar zu sein. Und Japan, wo ich lebe, ist ein Reich der Naturkatastrophen: Jedes Jahr heimgesucht von schweren Regenfällen und permanent den Gefahren des Erdbebens ausgesetzt. Aber ich glaube, dass der Mensch noch frecher, vielfältiger, schöner, erotischer, freundlicher, sündhafter, feinfühliger und sehr, sehr stark ist.
HIGUCHI: Bei dieser Serie werden die griechischen Götter mit den Helden aus meiner Kindheit assoziiert. Der menschliche Körper strahlt Energie aus, und diesen Zustand als schön zu empfinden ist verbunden mit dem Erotischen.
Einige der früheren Werke von mir bestanden aus Bauklötzen und griechischen Skulpturen. Als ich auf diese Figuren aus Holz Farbe mit Buntstiften auftrug, trat völlig unbeabsichtigt eine erotische Wirkung hervor. Solche unerwarteten Wirkungen, die wie chemische Reaktionen bei der Arbeit zufällig auftreten, mag ich und ich finde sie auch wichtig. Ich finde, dass das Erotische mit Stärke verbunden ist.Inspiration zu dieser Serie habe ich z.B. von Venus oder Hermes von Kyrene und die Helden aus meiner Kindheit sind z.B. Ultraman, Kamen-Rider, Gacchaman, Go-Ranger, Devilman, Cutie-Honey.
MSG: Wie kommen die Bewegungen der 7 Werke der Serie Very, Very Strong?
HIGUCHI: Sie sind inspiriert von der Schönheit der kämpfenden Helden. Ausgangspunkt sind die Posen der Helden aus meiner Kindheit, ferner habe ich auch die Bewegungen von Karate, Ringen und modernem Ballet zitiert – 2017 habe ich in Hamburg zum ersten Mal im Leben Ballet gesehen, als ich eine Aufführung des Hamburg Ballets besuchte.
MSG: Das Werk „Rosa-Mann“ erinnert an deine früheren Werke, bei denen du in den Bauklötzen griechische Skulpturen hineingehauen hast. Kommt die eckige Außenform diesmal auch von Bauklötzen? Oder von griechischen Tempeln? Und das Muster auf dem Körper scheint Corona-Viren darzustellen.
HIGUCHI: Ja, dieses Werk ist die Weiterführung der „Bauklotz“-Serie. Die Reihenfolge war: Nach „Bauklotz“ entstand „Kantholz“, danach „Very Very Strong“.
Weil es mühsam war, harte, kleine Bauklotz-Steine zu bearbeiten, wollte ich einfach mal großformatiges Material bearbeiten. Da dachte ich, dass ich als Weiterführung der „Bauklotz“-Idee auch Kantholz verwenden könnte. Bei der „Bauklotz“-Serie war ich schon von Tempeln inspiriert, daher hat die Kantholz-Serie auch etwas von Tempeln. Und von Kirchenskulpturen.
Das Muster ist aus der Form des Corona-Virus entstanden. Solange der menschliche Körper Teil der Natur ist, werden wir wohl mit dem Virus leben müssen.
MSG: Bei den anderen Werken verwendest du alte, bestehende Materialien. Was bedeutet das für dich?
HIGUCHI: Bei der früheren Arbeit „Himeji“ habe ich auch altes, bestehendes Material verwendet. Auf der gleichen Linie stehen die neuen Werke „Der Schachtelmann“, „Haar-Frau“, „Treibholz“, „Ego“ und „Seele“. Außerdem stehen sie mit den Serien „Restauration“ und „Very, Very Strong“ in enger Beziehung.
Als ich erfuhr, dass in Deutschland alte Grabsteine als Material für Skulpturen verwendet werden, hat mich das erstaunt. Ich als Japaner empfinde, dass die Toten und deren Grabsteine ein und dasselbe ist, die Seele/der Geist wohnt sozusagen in jeweiligen Steinen.
In Japan gibt es viele Schreine, in denen große Steine oder Wasserfälle als Gott verehrt werden. Es wird geglaubt, dass in den Buddha-Skulpturen die Seele wohnt und man sagt, dass in alten Dingen die Seele wohnen würde.
Ich stattete bei der Arbeit „Himeji“ eine alte Holzsäule mit Beinen aus. Damit habe ich quasi die Seele sichtbar gemacht, die in den alten Dingen wohnt. Man könnte von Personifizierung sprechen, aber da sah ich tatsächlich, dass da etwas „existiert“, in dem die Seele wohnt. Die Wirkung ist durch einen Zufall entstanden – Für mich eine neue Entdeckung. Die Skulptur für mich ist ein Körper, von dem ich Energie empfinde und der mir scheint, als wäre er von einer Seele bewohnt.
Vielleicht sind Stimmen und Räume von der Seele bewohnt.
Unterstütung von 

01.03.2021