Tsuyoshi Hisakado, Force, 2020, sound, paper, light bulb, aluminum, brass, glass, synchronous motor, wood and others, dimensions variable, Courtesy of Toyota Municipal Museum of Art,Photo: Takeru Koroda

Künstlergespräch mit Tsuyoshi Hisakado

28.05.2021

Mikiko Sato Gallery (MSG): Zunächst zur Serie „Crossfades #4“ mit fünf Siebdruckarbeiten, die gerade in Hamburg ausgestellt sind: Es sind Werke, die durch Abtropfen von blauer Tinte auf weißem Papier entstanden zu sein scheinen, und wenn man sich ihnen nähert, kann man plötzlich sehen, dass die Ziffern der Kreiszahl Pi in einer Spiralform mit weißer Tinte in einer winzigen Schriftgröße gedruckt sind. Warum wurden diese Ziffern der Kreiszahl gedruckt? Und was trug zur Entstehung dieser Serie bei?


Tsuyoshi Hisakado: Es hat schon damit zu tun, dass ich Skulptur studiert habe – Die skulpturale Vorgehensweise, verfallende Objekte zu bewahren, kann auch als Widerstand der Menschheit gegen die Zeit betrachtet werden. Über solche Überlegungen kam ich dazu, mich für Universalität und das Ewige zu interessieren. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Kreise als Form etwas mystisches haben.

Zudem symbolisiert die Serie die ersten Schritte und die Ritual-ähnliche Vorgehensweise bei der Entstehung meiner Installationen.

Wenn ich an einer Installation arbeite, besuche ich zuerst den Ausstellungsraum und verweile so lange wie möglich in diesem Raum. Zuerst denkt man, dass der Raum (White Cube) keinerlei Informationen hergibt. Aber sobald ich ein Fragment eines Werkes in einem Raum platziere, werden die Sinne wie von selbst von diesem Raum getragen und Informationen wie Staub auf dem Boden, Fußabdrücke von jemandem, Kratzer an der Wand, Gerüche, der Lichteinfall, Geräusche usw. rufen weitere Informationen auf, wie bei einer Kettenreaktion. So folgen kleine Entdeckungen aufeinander, unendlich wie die Kreiszahl, und auf diese Weise entsteht allmählich das Konzept der Installationsarbeit.

In der Serie „Crossfades #4“ lasse ich auf einem weißen Papier, worauf zunächst nichts erkennbar war, durch einen Akt des Abtropfens der Tinte die Kreiszahl in Erscheinung treten: Eine absolute Zahl, Informationen, die das Ewige in sich tragen. Ich wollte mit dieser Serie eine Metapher für einen solchen Vorgang erschaffen.

Darüber hinaus ist Siebdruck die dem "Hinlegen" ähnelnde Drucktechnik.

Siebdruck wird dadurch ausgedrückt, ob Tinte "da" oder "nicht da" ist, wie bei Installationen, bei denen etwas im Raum „da“ oder „nicht da“ ist. Das ist einer der Gründe, warum ich von der Siebdrucktechnik fasziniert war.

MSG: Was bedeutet der Titel „Crossfades #4“?

Hisakado: Es gab ursprünglich ein Werk, das „Crossfades #1“ betitelt war, und das Wort „Crossfade“ kommt vom „cross fader“ des DJ-Mixers. DJs nutzen diesen Cross-Fader, um einen nahtlosen Übergang von einem Musikstück zum anderen zu ermöglichen. Ich wollte auch einen solchen Übergang von Raum und Zeit, die sich miteinander verbinden, zum Ausdruck bringen.

Später, in dieser weiterentwickelten „Crossfades #4“ Serie, begann ich über diese Verkettung von Zeit und Raum hinaus über Existenzen neu nachzudenken, die uns absolut erscheinen, indem ich Aktionen wie das Abtropfen von Tinte, das Auseinanderreißen und Durcheinanderbringen hinzufügte, mit dem Bewusstsein, die Urteile der Gesellschaft zu hinterfragen, um bessere Entscheidungen in unserem Leben zu treffen.

MSG: Wann kam bei Ihnen der Wunsch Künstler werden zu wollen erstmals auf?

Hisakado: Ursprünglich wollte ich Modedesigner oder Raumgestalter werden, aber ich bin nicht in einem besonders kultivierten Umfeld aufgewachsen, und ich denke, ich war eine Art Mutation unter meinen Verwandten. Ich war schon als Kind gut darin, Dinge zu basteln, aber ich wuchs nicht sonderlich kunstnah auf. Erst im vierten Studienjahr begann ich, vom Künstlerleben zu schwärmen, aber ich dachte eher daran, Designer zu werden.

MSG: Wie entstand die Idee neben Alltagsgegenständen mit Licht und Klang zu arbeiten?

Hisakado: Ich denke, dass die Idee, Licht und Klang zu verwenden, von meinem Interesse am "Sein" kommt, das ich damals als Bildhauerei-Student bekam. Obwohl Klang und Licht deutlich zu spüren sind, sind sie nicht klar zu sehen und selbst wenn sie erkennbar sind, ändern sie ihr Erscheinungsbild von einem Moment auf den anderen. Als ich anfing, solche fortwährend mutierenden Daseinsformen als Skulptur zu betrachten, spürte ich plötzlich viele Möglichkeiten.

MSG: Würden Sie der Bezeichnung Ihrer Installationen als Erfahrungsräume zustimmen?

Hisakado: Man kann meine Werke nennen, wie man möchte. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das, was ich tue, zu der Bezeichnung „Installation“ passt. Während ich an meinen Werken arbeite, denke ich eher ständig daran, ob sie "skulptural" sind. Über das Wort „Installation“ hinaus ist es mir auch von Bedeutung, ob meine Werke filmisch oder erzählerisch sind.

MSG: Inwieweit ist die Selbstreflexion der Betrachter im Gegenüber mit Ihren Arbeiten beabsichtig?

Hisakado: Wenn ich als Betrachter ins Museum gehe, sehe ich gerne Werke, die mir alles wie ein Spiegel überlassen. Heutzutage gibt es viele Werke, die internationale und gesellschaftliche Botschaften und Fragestellungen enthalten, und das kann man auch als einen der Werte zeitgenössischer Kunst bezeichnen und mich berühren Werke, die mich veranlassen, mir selbst Fragen zu stellen: "Wie kann ich ein wunderbares Leben führen?" Ich möchte auch solche Werke erschaffen. Ich denke, dass ein Werk erst dann vervollkommnet wird, wenn die Betrachter in den Raum treten und sich bewegen und dadurch die Luft darin bewegen.

MSG: Welche Rolle spielt der Zufall in ihren Arbeiten?

Hisakado: Eines der wunderbaren Dinge an der Kunst ist, dass man der Tatsache, etwas nicht zu verstehen bzw. begreifen, Respekt erweisen kann. Durch Zufälle gelangen wir zu diesem Gefühl, etwas nicht zu begreifen.

(18. Mai 2021)

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Courtesy: OTA FINE ARTS http://www.otafinearts.com

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