Rikuo Ueda "Wind drawing. 28.04.2014 Rothenburgsort"

REDISCOVERY OF THE WEEK Teil 2: Rikuo Ueda-Pink Moon - Eine Anekdote von Rikuo Ueda (2014)

12.06.2020

“Schöne Musik”, murmelte ich.

Die Anzeige am Armaturenbrett leuchtete im mitternächtlichen Taxi wie die Lichter der Stadt. Ich lauschte der Musik, der Wagen fuhr unter einer rotbraun verrosteten S-Bahnbrücke hindurch, bis wir nach etwa 10 Minuten in Rothenburgsort ankamen. Nach einem großen U-Turn hielt er vor einem Backsteingebäude an. Der Fahrer, dem Anschein nach etwas jünger als ich, überreichte mir einen Zettel.

Ohne mich zu bedanken nahm ich den Zettel an, worauf hingekritzelt „Nick Drake“ stand. Ich blickte zum Himmel und sah den schmelzenden rosa Mond. Als ich am nächsten Morgen mein Smartphone in die Elbe warf, tanzten Pappelflocken im frühsommerlichen Wind.



Es kam mir vor, als ob ich mit dem Taxifahrer eine intensive Konversation geführt hatte. Ich dachte über die Feinsinnigkeit dieses Fahrers, der während seiner mitternächtlichen Fahrten dieses Lied hört, nach. Oder über seine Familie oder darüber, was für ein Leben er bisher hatte. Und ich stellte mir vor, dass auch er über mich nachdachte, den Ausländer, der zu später Stunde in seinen Wagen einstieg und lediglich „Schöne Musik.“ sagte.
Das alles habe ich gespürt, als er mir den Zettel wortlos gab und ich ihn ohne mich zu bedanken nahm.
Mit einem Smartphone kann man telefonieren, mailen und surfen, aber solche Unterhaltung zu führen, geht damit gar nicht.
Es war Mai in Hamburg, Pappelflocken tanzten in der Luft wie Schnee.
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