
30.08.2021

28.05.2021
Tsuyoshi Hisakado: Es hat schon damit zu tun, dass ich Skulptur studiert habe – Die skulpturale Vorgehensweise, verfallende Objekte zu bewahren, kann auch als Widerstand der Menschheit gegen die Zeit betrachtet werden. Über solche Überlegungen kam ich dazu, mich für Universalität und das Ewige zu interessieren. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Kreise als Form etwas mystisches haben.
Zudem symbolisiert die Serie die ersten Schritte und die Ritual-ähnliche Vorgehensweise bei der Entstehung meiner Installationen.
Wenn ich an einer Installation arbeite, besuche ich zuerst den Ausstellungsraum und verweile so lange wie möglich in diesem Raum. Zuerst denkt man, dass der Raum (White Cube) keinerlei Informationen hergibt. Aber sobald ich ein Fragment eines Werkes in einem Raum platziere, werden die Sinne wie von selbst von diesem Raum getragen und Informationen wie Staub auf dem Boden, Fußabdrücke von jemandem, Kratzer an der Wand, Gerüche, der Lichteinfall, Geräusche usw. rufen weitere Informationen auf, wie bei einer Kettenreaktion. So folgen kleine Entdeckungen aufeinander, unendlich wie die Kreiszahl, und auf diese Weise entsteht allmählich das Konzept der Installationsarbeit.
In der Serie „Crossfades #4“ lasse ich auf einem weißen Papier, worauf zunächst nichts erkennbar war, durch einen Akt des Abtropfens der Tinte die Kreiszahl in Erscheinung treten: Eine absolute Zahl, Informationen, die das Ewige in sich tragen. Ich wollte mit dieser Serie eine Metapher für einen solchen Vorgang erschaffen.
Darüber hinaus ist Siebdruck die dem "Hinlegen" ähnelnde Drucktechnik.
Siebdruck wird dadurch ausgedrückt, ob Tinte "da" oder "nicht da" ist, wie bei Installationen, bei denen etwas im Raum „da“ oder „nicht da“ ist. Das ist einer der Gründe, warum ich von der Siebdrucktechnik fasziniert war.
MSG: Was bedeutet der Titel „Crossfades #4“?
Hisakado: Es gab ursprünglich ein Werk, das „Crossfades #1“ betitelt war, und das Wort „Crossfade“ kommt vom „cross fader“ des DJ-Mixers. DJs nutzen diesen Cross-Fader, um einen nahtlosen Übergang von einem Musikstück zum anderen zu ermöglichen. Ich wollte auch einen solchen Übergang von Raum und Zeit, die sich miteinander verbinden, zum Ausdruck bringen.
Später, in dieser weiterentwickelten „Crossfades #4“ Serie, begann ich über diese Verkettung von Zeit und Raum hinaus über Existenzen neu nachzudenken, die uns absolut erscheinen, indem ich Aktionen wie das Abtropfen von Tinte, das Auseinanderreißen und Durcheinanderbringen hinzufügte, mit dem Bewusstsein, die Urteile der Gesellschaft zu hinterfragen, um bessere Entscheidungen in unserem Leben zu treffen.
MSG: Wann kam bei Ihnen der Wunsch Künstler werden zu wollen erstmals auf?
Hisakado: Ursprünglich wollte ich Modedesigner oder Raumgestalter werden, aber ich bin nicht in einem besonders kultivierten Umfeld aufgewachsen, und ich denke, ich war eine Art Mutation unter meinen Verwandten. Ich war schon als Kind gut darin, Dinge zu basteln, aber ich wuchs nicht sonderlich kunstnah auf. Erst im vierten Studienjahr begann ich, vom Künstlerleben zu schwärmen, aber ich dachte eher daran, Designer zu werden.
MSG: Wie entstand die Idee neben Alltagsgegenständen mit Licht und Klang zu arbeiten?
Hisakado: Ich denke, dass die Idee, Licht und Klang zu verwenden, von meinem Interesse am "Sein" kommt, das ich damals als Bildhauerei-Student bekam. Obwohl Klang und Licht deutlich zu spüren sind, sind sie nicht klar zu sehen und selbst wenn sie erkennbar sind, ändern sie ihr Erscheinungsbild von einem Moment auf den anderen. Als ich anfing, solche fortwährend mutierenden Daseinsformen als Skulptur zu betrachten, spürte ich plötzlich viele Möglichkeiten.
MSG: Würden Sie der Bezeichnung Ihrer Installationen als Erfahrungsräume zustimmen?
Hisakado: Man kann meine Werke nennen, wie man möchte. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das, was ich tue, zu der Bezeichnung „Installation“ passt. Während ich an meinen Werken arbeite, denke ich eher ständig daran, ob sie "skulptural" sind. Über das Wort „Installation“ hinaus ist es mir auch von Bedeutung, ob meine Werke filmisch oder erzählerisch sind.
MSG: Inwieweit ist die Selbstreflexion der Betrachter im Gegenüber mit Ihren Arbeiten beabsichtig?
Hisakado: Wenn ich als Betrachter ins Museum gehe, sehe ich gerne Werke, die mir alles wie ein Spiegel überlassen. Heutzutage gibt es viele Werke, die internationale und gesellschaftliche Botschaften und Fragestellungen enthalten, und das kann man auch als einen der Werte zeitgenössischer Kunst bezeichnen und mich berühren Werke, die mich veranlassen, mir selbst Fragen zu stellen: "Wie kann ich ein wunderbares Leben führen?" Ich möchte auch solche Werke erschaffen. Ich denke, dass ein Werk erst dann vervollkommnet wird, wenn die Betrachter in den Raum treten und sich bewegen und dadurch die Luft darin bewegen.
MSG: Welche Rolle spielt der Zufall in ihren Arbeiten?
Hisakado: Eines der wunderbaren Dinge an der Kunst ist, dass man der Tatsache, etwas nicht zu verstehen bzw. begreifen, Respekt erweisen kann. Durch Zufälle gelangen wir zu diesem Gefühl, etwas nicht zu begreifen.
(18. Mai 2021)
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Courtesy: OTA FINE ARTS http://www.otafinearts.com

12.04.2021

Mit der Sammlungsausstellung "Crossing Borders. Sammeln für die Zukunft" blickt das Kuperstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nach vorn und und zeigt, wie sich die Sammlung - eine der ältesten der Welt - jüngst entwickelt hat und wie sie sich in der Zukunft präsentieren könnte.
Ausgehend von den künstlerischen Erweiterungen seit den 1960er-Jahren vereint die Sonderausstellung etwa 80 zeitgenössische Werke von 21 Künstlerinnen und 22 Künstlern aus den letzten 30 Jahren. Mit Marina Abramović, Joseph Beuys, A. R. Penck und Nancy Spero stehen am Anfang der Präsentation beispielhaft vier Künstler*innen, deren Tun in besonderer Weise von einer Forderung nach Freiheit geleitet war. Seit den 1960er-Jahren haben sie substanzielle Beiträge zur Erweiterung des Kunstbegriffs und zur Entgrenzung von Kunst und Leben geleistet.

12.04.2021

25.03.2021
Higuchi: Als ich an diesem Werk gearbeitet habe, hatte ich viel Zeit. Ich fing einfach an, ohne ein finales Bild im Kopf zu haben. Aus dem Kantholz schnitzte ich zunächst nur die Beine und betrachtete und überlegte immer wieder in Ruhe während der Entstehung. An manchen Tagen führte mich das noch unfertige Werk in eine völlig unerwartete Richtung als am Tag davor und wiederum war es oft ein regelrechter Kampf für mich.
Ich hatte an Formen gedacht, die man „nicht zuordnen“ kann – eine abstrakte Form oder ein unbegreifliches Ding, aus dem Beine rauswachsen, so dass es plötzlich gehen kann. So eine Skulptur wollte ich schaffen. Dann stieß ich auf die befremdliche Frisur von Unkeis Skulptur.
MSG: Du hast einmal gesagt, dass die Rückansicht die Vorderansicht sei. Was meinst du damit genau?
Higuchi: Ich war fasziniert von der Rückseite der komischen Frisur dieses Werks (Die sitzende Buddha-Holzstatue von Dainichi Nyorai) von Unkei
(ein bedeutender japanischer Bildhauer, um 1140 – 1223). Und ich fand, dass das fertige Werk, Haar-Frau, ihre Energie im Inneren verbirgt, statt nach außen freizusetzen. Deshalb ist die Rückansicht die Vorderansicht.
MSG: Bzgl. „Schachtelmann“: Es ist eine Figur, die wie aus dem Roman „Schachtelmann“ von Kobo Abe entsprungen ist.
Higuchi: Kobo Abe schrieb den Roman 1973. Ich las ihn in den 90ern. Ich glaube, es ging um einen Menschen, der aus dem Inneren einer Schachtel die Außenwelt betrachtet und die Schachtel zerreißt, um mit Mitmenschen in Kontakt zu treten. Ich fühle mich wie ein Schachtelmann, wenn ich wegen Corona mit Maske, Mütze und Sonnenbrille in der Gegend rumlaufe. Es hat vielleicht auch was von der Welt der sozialen Netzwerke.
Die Welt ist groß und vielfältig, aber die innere Welt einzelner Individuen ist auch groß und sehr vielfältig. Meine Werke sind Bilder der Erwartungen und an andere Menschen oder sich selbst und Möglichkeiten von Menschen. Ein bisschen etwas von dem erwartungsvollen Moment vor einer ungeöffneten Geschenkbox wollte ich herstellen.
Die Geschichte des Schachtelmanns von Kobo Abe wäre vielleicht anders gelaufen, wenn sie in der Corona-Zeit spielte und die Schachtel schickes Äußeres gehabt hätte.
In den Werken sind Dinge aus der Natur und Kultur zu sehen, die ursprünglich nicht vom Künstler selbst stammen, deren Anverwandlung den Künstler aber zu neuen Assoziationen führt.
Die Rückansicht der Haar-Frau erinnert an Insektenpuppen. Die Schachtel des Schachtelmanns sieht leicht aus.
MSG: Warum wolltest du die 7 Werke (Very, Very strong) in der Konstellation des Sternbilds von Großer Wagen anordnen?
Higuchi: Die Anordnung nach Großer Wagen kommt aus der Bilderwelt des Mangas „Hokuto no Ken“ ( „Fist of the North Star“), den ich als Schüler mochte. Es ist eine natürliche, abwechslungsreiche und schöne Anordnung.
Foto:Andreas Weiss
Künstlergespräch mit Akihiro Higuchi 1
Die Ausstellung wird gefördert durch die STIFTUNG KUNSTFONDS und das Sonderförderprogramm NEUSTART KULTUR.