REDISCOVERY OF THE WEEK Teil 3: Shingo Yoshida "Réprouvé" ("ausgestoßen")

18.06.2020

■ Link zum Film "Réprouvé" (7 Min 44 Sek)
https://www.shingoyoshida.com/movie-installation?pgid=jrqq2jxg-2013980c-8f8c-4381-adba-516027d7a2dc



Mikiko Sato Gallery (MSG): Dieses Werk entstand 2018 auf einer Müllhalde auf einem leeren Grundstück am Rande der Stadt Calama (Chile). Warum bist du dorthin gegangen und warum hast du diese Art von Ort gewählt?
 
Shingo: Ein Freund aus Chile, den ich in Berlin kennengelernt habe, erzählte mir von dem Kunstfestival SACO7 (Antofagasuta) und fragte mich, ob ich während des Aufenthalts dort an dem Festival teilnehmen möchte. Er erzählte, dass seine Mutter in der Wüste lebt, die der trockenste Ort der Welt ist und ich war von der Idee angetan, dort als Stipendiat zu arbeiten. Also stimmte ich zu.

 
MSG: Hunde erscheinen in verschiedenen Szenen deiner Arbeit.  Hunde, die auf den Straßen und auf einer Müllhalde herumtollen, Hunde als Verkleidung für ein Fest, Hunde, die Autos auf den Straßen hinterherrennen. Könnte es sein, dass der Hund in deinem Werk ein Medium für etwas ist? Oder haben Hunde eine besondere Bedeutung für die Bewohner dort?
 
Shingo: In Entwicklungsländern ist das kein besonderer Anblick, sondern Alltag. Ich denke, auch im Nachkriegsjapan und -europa gab es bis zur Stabilisierung der öffentlichen Sicherheit und der Wirtschaft streunende Hunde auf den Straßen.
Auch Tiere haben ihre eigenen Territorien und eine Art "Gesellschaft", die für Menschen nicht leicht zugänglich sind.
Vielleicht werden es eines Tages in der Zukunft die Tiere sein, die durch extreme Modernisierung und die Torheit der menschlichen Herrschaft vertrieben werden.
Das neue Coronavirus hat aber deutlich gemacht, dass der Mensch schwach ist und dass sich die Position von Mensch und Natur umkehren kann. Das heißt, in der Natur ist die Position der Menschen umgekehrt: Wir sind das schwächste Tier der Welt. Zum Beispiel sind im Amazonasgebiet die Ameisen am stärksten und der Mensch am schwächsten, und wenn ich den Fuß auf einen Ameisenschwarm setzen würde, wäre ich der Schwächste. Sie klettern schnell über den ganzen Körper, und selbst wenn ich sie abbürsten würde, würde mein Körper von den Zangen der Ameisen blutig gebissen werden. Aber auch Insekten haben ihre Feinde, zum Beispiel Bakterien oder Viren, die als Parasiten in ihnen leben.
Wenn uns Menschen eine Naturkatastrophe passierte, haben wir Menschen uns früher gefragt, ob es ein Werk eines Gottes, eines Dämons oder eines Geistes ist. So haben wir bis vor Kurzem gelebt während die Zivilisationen entstanden sind. Jetzt, angesichts der entwickelten Wissenschaft und Gesellschaft, vertrauen die Menschen immer mehr nur dem, was sie sehen können. Wie die Pest im Mittelalter, eine Krankheit, die unsichtbar ist, oder Pockenvirus aus Spanien, welches das Inka- und Aska-Reich zerstörte, spielt für das neue Coronavirus keine Rolle, welcher Gesellschaft, Rasse, Beruf oder Nation wir angehören. Für diese Parasiten ist es einerlei, ob wir arm oder reich sind. Und vielleicht sind aus der Sicht der Keime und Viren wir Menschen die Parasiten.

 
MSG: Dass der Film auf Close-ups von Gesichtern der "Minderheiten" verzichtet, führt dazu, dass die Zuschauenden die Szenen als etwas sehen können und unmittelbar erfahren können bzw. müssen, ohne in Orientalismus zu verfallen. Der Zuschauende ist um so mehr auf sich selbst gestellt, die Bilder zu verstehen.
 
Shingo: Ich hoffe, dass die Implikation des Titels auch dem Verständnis des Werks beiträgt: "ausgestoßen". Ich wollte nicht einfach sagen, dass das Volk ausgestoßen ist, sondern vielmehr die gesamte Umwelt und Gesellschaft thematisieren, die das Land umgibt.
In den letzten Jahren, während die Welt zunehmend reicher, bequemer und fortschrittlicher geworden ist, was auch gute Seiten hat, verschwinden oder verblassen auf der anderen Seite kleine Kulturen aufgrund der beschleunigten Globalisierung.
Ich habe mich schon immer für die mikrogesellschaftliche Kulturen interessiert, die die Grundlage der Wirtschaft bilden. Deshalb habe ich mich auf Kultur, Legenden, Mythen und das tägliche Leben der Menschen, die in diesen kleinen Gebieten leben, sowie auf die natürliche Umwelt konzentriert und versuche, mich den Eindrücken der Natur bewusst auszusetzen und zugleich die Ohnmacht der Menschen festzustellen.

 
MSG: Im Film taucht eine spektakuläre Wüstenlandschaft auf. Wie war es, dort zu sein?
 
Shingo: Meine Forschungsarbeiten fanden in der chilenischen Atacama-Wüste statt, dem nördlichsten Teil Chiles und dem trockensten Ort der Welt. Man sagte mir, dass die NASA hier trainiert hat, wegen der ähnlichen Bedingungen wie auf dem Mars.
Man sagt auch, es sei der beste Ort, Sterne zu betrachten, weil die Luft dort die klarste der Welt ist und es gibt diese riesige Teleskopanlage "Alma-Teleskop". Sie wurde in 5.000 Metern Höhe in Chile gebaut und wurde 2011 für wissenschaftliche Beobachtungen in Betrieb genommen. Wie ist das Sonnensystem, in dem wir leben, entstanden? Gibt es Grundlagen des Lebens außerhalb der Erde? Das sind Fragen, die sich die Menschheit seit Langem stellt und diese Anlage ist an der vordersten Front dabei. Neulich war in den Nachrichten zu lesen, dass dort ein Schwarzes Loch zum ersten Mal fotografiert wurde.
Aber gegenwärtig ist die Atacama-Wüste stark verschmutzt. Dort sind Minen für Lithium und andere Rohstoffe, die für unser modernes Leben unerlässlich sind. Ohne sie wäre es bestimmt nicht möglich gewesen, das Teleskop zu bauen. In dem riesigen Brachland, das ich gefilmt habe, wird eine Menge Müll weggeworfen. Dort leben sogenannte Zigeuner, Staatenlose, die in Zelten leben, und es ist auch das Territorium der streunenden Hunde.
Man muss mit streunenden Hunden verhandeln und auskommen, um dort zu filmen, weil es ihr Territorium ist.
Die Landrechte auf der Erde wurden eigentlich immer so verhandelt. Die Grenzen des Grundstücks oder Territoriums, die aus menschengemachten wirtschaftlichen Gründen entstanden sind, spielen dabei keine Rolle.

 
MSG: Was hat dich zu diesem Film inspiriert?
 
Shingo: Ich habe mich von der Flagge "Wiphara"* inspirieren lassen.
Einst blühten in Südamerika die Anden-Hochkluturen. Diese traditionelle Flagge mit dem Namen "Wiphara" wird von den Aymara, einem indigenen Volk der Andenregion Südamerikas, bis heute verwendet.
Jede Farbe hat eine Bedeutung in Bezug auf die Menschheit und Erde.
Es gibt viele Theorien über diese Flagge, aber sie ist auch heute noch ein hoch geachtetes Symbol in Südamerika. Auf der anderen Seite leidet die Gesellschaft Südamerikas in Realität mit ihrem extremen Kapitalismus.
 
* Wiphara: https://en.wikipedia.org/wiki/Wiphala
 
Es ist eine schlichte, farbenfrohe und quadratische Flagge, die aus sieben andersfarbigen Quadraten besteht: rot, orange, gelb, weiß, grün, blau und violett. Diese Farben werden als die Farben des Regenbogens gesehen und haben jeweils folgende Bedeutungen:
 
Rot – Erde
Orange - Gesellschaft und Kultur
Gelb – Energie
Weiß - Zeit und Logik
Grün - Natürliche Ressourcen und Reichtum
Blau - das schöpferische Prinzip des Universums und der Welt
Violett - Politik und Ideen

 
MSG: Im Film tauchen Dinge auf, die ihre ursprüngliche Funktion und ihren Wert verloren haben, wie Flaschen und ausrangierte Waschmaschinen – Warum finden wir diese Dinge schön?
 
Shingo: Es ist schwer, die Sympathie für Werte wie Schönheit zu erklären, denn jeder hat seinen eigenen Geschmack, aber wenn wir etwas schön finden, das weggeworfen wurde, liegt es vielleicht an der Absurdität, die aus der Kombination von dem Ort und den dort abgelegten Dingen entsteht.

 
MSG: Da ist ja diese Szene, in welcher der Wind weht und die einsamen Töne der leeren Bierflaschen zu hören sind – Du meintest ja, dass die leeren Flaschen alle erst rumlagen und dass du sie eine nach der anderen aufgestellt hast. Was für eine Landschaft wolltest du schaffen? Für mich fühlt sich diese von dir erschaffene, verwandelte Landschaft, ja diese Installation aus leeren Flaschen und dem Wind, wie ein heiliger Ort an.
 
Shingo: Oft verhält es sich ja so: Wenn alles zusammenkommt und zu einer Horde wird, ist es einfacher, seine Existenz und seinen Wert zu beweisen. Als ich darüber nachdachte, wie ich es vermitteln könnte, dass in dieser Wüste permanent der Wind weht, kam ich auf die Idee, diese große Anzahl weggeworfener Flaschen und den Wind zu nutzen, um die Situation und andere weitere Dinge zu vermitteln. So kam es zu dieser Installation. Es sieht auch wie ein heiliger Ort aus, und es gibt verschiedene Betrachtungsweisen, aber ich möchte es dem Publikum überlassen.

 
MSG: Wurden die Zeichnungen auf den Felsen von den Menschen gemacht, die heute dort leben oder stammen sie aus einer viel älteren Zeit?
 
Shingo: Ich glaube, die Zeichnungen stammen aus der gleichen Periode wie die Nazca-Linien. Die Einheimischen glauben, dass diese Zeichnungen Botschaften an die Reisenden waren und so gezeichnet wurden, damit man sie über Berge und Hügel aus der Ferne sehen konnte.
Sie sagten mir, es sei eine Art der Kommunikation gewesen; zum Beispiel um zu sagen, dass es an diesem Ort Lamas und verschiedene Tiere gibt. Es gibt auch Bilder, die wie Außerirdische aussehen, vielleicht waren sie ja damals dort.
 
 


Mit unserer neuen Reihe REDISCOVERY OF THE WEEK stellen wir Ihnen ab jetzt regelmäßig Werke unserer Künstler*innen vor und beschäftigen uns mit deren Ebenen, die zu erkennen, zugegebenermaßen, auf den ersten Blick nicht immer einfach ist.

Teil 1: Akihiro Higuchi "Insekt aus der Serie "Hana-Blume"
Teil 2: Rikuo Ueda "Wind drawing. 28.04.2014 Rothenburgsort"
Teil 3: Shingo Yoshida "Réprouvé (Castaway): Calama Chile Year 2018"
Nächste Woche Teil 4: Mitsunori Kitsunai



■ Link zum Künstler Shingo Yoshida
https://www.mikikosatogallery.com/de/kuenstler/shingo-yoshida/


 
 
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